LÄNDERFORUM: „Bürgerschaftliches Engagement = Bildung durch Beteiligung“ am Freitag, 22.10.2010

Im Rahmen des Tagesmottos „Stadtteil und Gemeinde als Schule der Demokratie“ diskutieren am Freitag im Rahmen des Länderforums Vertreter aus Schule, Wirtschaft und Zivilgesellschaft…..

Eine gute Schule braucht viele Menschen, die sich für sie zuständig fühlen. Und das bedeutet: Ohne bürgerschaftliches Engagement kann eine gute Schule nicht gelingen, betonte Christa Goetsch, Senatorin für Schule und Berufsbildung Hamburg, in ihrer Eröffnungsansprache. 
Dabei nannte sie den Abschluss der behördenübergreifenden Kooperationsvereinbarung zu den Regionalen Bildungskonferenzen als ein wichtiges politisches Etappenziel. Diese haben ein einfaches, aber bundesweit einmaliges Konzept: In den ab Februar 2011 startenden Konferenzen werden sich die regionalen Institutionen für Bildung, Beratung und Erziehung vernetzen. Sie werden ihr Angebot miteinander abstimmen sowie Erfahrungen und Informationen austauschen. Dadurch entstehen effiziente, lokal organisierte Angebote. Die Themen sind stadtteilbezogen und orientieren sich an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen vor Ort.
Goetsch hob hervor, das vorrangige Ziel sei, die Schule als Bildungszentrums-Mittelpunkt mit dem Leben zu verbinden. Deshalb sind Bildungsinitiativen außerhalb der Schule ein wichtiger Teil der Bildungsvermittlung. Beispielhaft für wirksames Lernen außerhalb der Schule nannte die Senatorin das Löwenhaus in Harburg, ein Bildungsprojekt des Arbeiter-Samariter-Bundes Hamburg (ASB). Hier werden ältere Kinder ausgebildet, um anschließend ihre Fähigkeiten an kleinere Kinder weiterzugeben – und mit ihnen zu kochen, die Stadt zu erkunden oder zu spielen. Auch die Kompetenzen der Eltern von Kindern/Jugendlichen an Schule seien wichtig, egal, ob sie als Unternehmer, Handwerker oder als Zeitzeugen eine Unterstützung bieten. Auch ältere Menschen, die sich in der Gesellschaft durch Vorbildfunktion einbringen, sind gefragt. Darüber hinaus könnten Migranten und Migrantinnen für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund als wichtige Identifikationsperson agieren.
Die Kooperationsvereinbarung zu den Regionalen Bildungskonferenzen, die sie im November behördenübergreifend mit allen Hamburger Bezirksamtsleitern unterzeichnete, sei, so Christa Goetsch, ein großer Schritt, um Bildungsprozesse zu begleiten und aufeinander abzustimmen.

Die anschließende Podiumsdiskussion wurde von Sybille Volkholz geleitet. Als Diskussionspartner waren neben Christa Goetsch, Cornelia v. Ilsemann, Behörde für Bildung und Wissenschaft Bremen; Prof. Dr. Thomas Olk, Vorsitzender des Sprecherrats des Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) und Cord Wöhlke, Geschäftsführer der Drogeriekette Iwan Budnikowsky anwesend. Zu Wort kamen auch die Teilnehmer aus dem Publikum.

Sybille Volkholz startete die Diskussion mit der Frage, wie man es schaffe, Bildung im Stadtteil und im regionalen Bereich zu einem Thema zu machen? Hier befanden die Diskussionspartner, dass es wichtig sei Wege zu finden, bürgerschaftliches Engagement in Schule zu integrieren und zu erreichen, dass die Schulen kooperierten. Die Koordination der gegenseitigen Aktivität von Schulen und bürgerschaftlichem Engagement sei entscheidend für den Erfolg. Dabei müssten Zielsetzungen mit ökonomischen Kriterien verknüpft werden.
Volkholz gab zu bedenken, dass Anlaufstellen (z.B. in Schulen oder Behörden) geschaffen werden müssten, um die Zuständigkeiten benennen zu können und damit das bürgerschaftliche Engagement einfacher zu gestalten.
Ein Teilnehmer aus dem Publikum sprach sich dafür aus, Strukturen der Partizipation zu schaffen. Dafür, so sein Argument, sei eine Systematik der Erfassung des Engagements (z.B. im Zeugnis oder im Schulprogramm) nötig, um die Schule zu öffnen.
Die Diskussionspartner gaben zu bedenken, dass die Werte Beziehung und Vertrauen neben einer Verlässlichkeit und Kontinuität unabdingbar für den Lernerfolg wären. Um den Lebensalltag der Ehrenamtlichen flexibel zu gestalten und gleichzeitig eine verlässliche Struktur zu gewährleisten, könne eine Unterstützung auch durch mehrere, sich abwechselnde Bezugspersonen aus dem Schulkollegium, sichergestellt werden. Wirkungsvoll werde die Arbeit, wenn sich Ehrenamtliche und Lehrer eng miteinander verzahnen und die Projekte professionell und ‚schlank organisiert’ seien. Wichtig sei aber auch die Schaffung von Partizipations- und Verantwortungsstrukturen, um Kindern/Jugendlichen zu vermitteln, dass der Begriff Demokratie aus dem Prinzip ‚Beteiligung an gesellschaftlichen Prozessen’ abgeleitet werde.
Cornelia v. Ilsemann fügte hinzu, dass die Demokratieerziehung vor allem deshalb schon in Schulen wichtig sei, um Verantwortungsübernahme und Verständigungsprozesse einzuüben, so dass dies als praktische Erfahrung einen Platz im Leben der Kinder/Jugendlichen einnehmen könne.
Cord Wöhlke, Geschäftsführer der Drogeriekette Iwan Budnikowsky, forderte, dass sich die Wirtschaft stärker mit Schule beschäftigen müsse. Bildung und Kultur seien wichtige Pfeiler für Wirtschaftswachstum und die Weiterentwicklung einer Region. Der aus geburtenschwächeren Jahrgängen entstehende Druck der Nachfolge neuer Mitarbeiter müsse durch Kooperationsverträge mit Schulen ausgeglichen werden. Denkbar wären z. B. auch Bewerbertrainings und Praxistage in Betrieben. Wertvoll seien, so Wöhlke, auch Lehrer mit beruflicher Praxisorientierung, da diese wüssten, worauf es in Wirtschaftsbetrieben ankommt und man so eine gute Kommunikationsgrundlage hätte. Für ihn stehe fest, dass der Bildungsauftrag ist nicht mehr nur allein durch die Schulen machbar sei. Gute und förderungsfähige Projekte erkenne man, so Wöhlke, daran, dass es interessant für Menschen sei, eine Hilfe zur Selbsthilfe biete und gute Mitarbeiter in den Projekten arbeiteten. Die Diskussionsteilnehmer befanden, dass in der Lebensphase ‚Berufsfindung’ es besonders wichtig sei, auch außerhalb der Schule gezielt zu unterstützen. Gerade in ‚bildungsfernen Schichten’ wären Vorbilder besonders wichtig. Dass bürgerschaftliches Engagement nicht nur eine Sache für soziale Brennpunkte sei, sondern ein grundsätzliches pädagogisches Prinzip, stellte Christa Goetsch klar – auch wenn die Arbeit in sozialen Brennpunkten zu priorisieren sei. Bürgerschaftliches Engagement freiwillig und frei organisiert zu gestalten, und nicht zu überregeln und durchzustrukturieren sei das Ziel. Gleichzeitig sei dennoch wichtig, die Frage zu stellen, wie man die Lehrer dazu bekomme, mit außerschulischen Partner zusammen zu arbeiten. Prof. Dr. Thomas Olk, Vorsitzender des Sprecherrates des BBE, konstatierte, dass bürgerschaftliches Engagement mittlerweile auf ‚kommunaler Ebene angekommen’ sei.
Er würdigte daraufhin den Entwicklungsstand seit der ersten „BBE“-Tagung in Mainz, im November 2004. Die Aussagen u.a. von Frau Goetsch zeugten von einem Paradigmenwechsel, auf den alle, die sich an den Fachtagen beteiligten, mit Recht stolz sein dürfen. Er wies außerdem darauf hin, dass die Schaffung von runden Tischen aber entscheidend sei, um Menschen aus den Bereichen Wirtschaft und Schule zum miteinander kommunizieren zu bringen. Besonders für Lehrer, die Probleme mit Schülern hätten, könnte dies ein Anreiz sein, sich Unterstützung zu holen.
Sybille Volkholz fügte daraufhin hinzu, dass Lehrer in der Ausbildung nicht lernten, mit Dritten zu kooperieren. Sie schlug deshalb vor, den Lehrkräften die Unterstützung zu geben, ihre Arbeit zu verändern und mit den verschiedenen zivilgesellschaftlichen Akteuren sowie Unternehmen kooperieren zu lernen. Eine Teilnehmerin aus dem Publikum wandte ein, dass es wichtig sei, Eltern mit einzubeziehen, wenn Bildungsvorstellungen artikuliert würden. Denn wenn man Eltern aus so genannten ‚bildungsfernen Schichten’ außen vor lässt, dann kann man dem Begriff Bildung und dem, was Bildung will, nicht gerecht werden.
Während der Podiumsdiskussion wurde noch einmal deutlich, an wie vielen verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Ausprägungen Bürgerschaftliches Engagement innerhalb eines Stadtteils/einer Region stattfinden kann. So bieten sich beispielsweise Patenschaften von größeren für kleinere Schüler an, Kunstprojekte und Ausstellungen in den Stadtteilen sowie Diskussionen mit der Politik. Auch Projekte, die Lehrer mit Kindern/Jugendlichen auf die Beine stellen, können einen Ausgangspunkt zum Austausch darstellen.

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