Engagement trifft Schule – Ein Tagungsrückblick

Bürgerschaftliches Engagement = Bildung durch Beteiligung – So lautete der Titel der sechsten in einer seit 2003 laufenden Reihe bundesweiter Fachtagungen des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE) zum Thema „Schule und Bürgerschaftliches Engagement“.
Gastgebendes Bundesland im Jahr 2010 war Hamburg, dessen Zweite Bürgermeisterin die Schirmherrschaft übernommen hatte. Veranstaltungsorte waren vom 21. – 23. Oktober 2010 das Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, das Oberstufenhaus des Eimsbüttler Modells sowie verschiedene Schulen und außerschulische Orte des bürgerschaftlichen Engagements in der Hansestadt.
Die Fachtagung wurde in Kooperation mit dem BBE organisiert vom Fachreferat Ehrenamtliches Engagement der BSB und dem Arbeitsbereich Demokratiepädagogik des LI mit finanzieller und logistischer Unterstützung der Bertelsmann Stiftung, der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Hamburger Körber-Stiftung und anderer Organisationen.

Demokratische Bildung ist mehr als Schule
Bürgerschaftliches Engagement ist nach dem Verständnis der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages freiwillige, nicht auf materiellen Gewinn gerichtete, gemeinwohlorientierte, öffentliche, kooperative Aktivität von Bürgerinnen und Bürgern[1], also ein Typus zivilgesellschaftlichen Verhaltens, auf den eine lebendige Demokratie angewiesen ist – sozusagen das Salz in der Suppe, das dem Gemeinwesen erst Geschmack und Würze verleiht.
Um an der Demokratie Geschmack zu finden und sich mit ihr als Lebens- und Gesellschaftsform identifizieren zu können, brauchen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene von Anfang an Gelegenheiten zur Beteiligung und Vorbilder in der Eltern- und Großelterngeneration. Hier spielen neben der Familie  die Bildungseinrichtungen eine herausragende Rolle und unter diesen vor allem die Schule, da sie die einzige gesellschaftliche Institution ist, die über einen sehr langen Zeitraum fast alle Heranwachsenden erreicht.
Die Schule ist deshalb in einer Demokratie in hohem Grad verantwortlich für die   Heranbildung kompetenter Bürgerinnen und Bürger, die in der Lage und willens sind, sich unter den jeweils aktuellen Bedingungen für eine gerechte, freiheitliche und friedliche Zukunft des Zusammenlebens auch öffentlich einzusetzen.
Um diese Funktion erfolgreich erfüllen zu können, braucht die Schule Kooperationspartner in der Zivilgesellschaft, engagierte Bürgerinnen und Bürger aller Generationen in Betrieben, Institutionen und Initiativen:
„Einem umfassenden Anspruch von Bildung kann Schule allein nicht gerecht werden. Es ist vielmehr geboten, schulische und außerschulische Bildungspotenziale bei der Gestaltung von Bildungsprozessen neu aufeinander zu beziehen. […] Dies bedeutet, das Zusammenspiel von Familie, Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie vielfältiger weiterer gesellschaftlicher Akteure und Bildungsgelegenheiten neu zu gestalten.  […] Ein Bildungskonzept, das dieser weiten Zielperspektive verpflichtet ist, umfasst gleichauf mit Aufgaben der kulturellen und materiellen Reproduktion auch Aspekte der sozialen Integration und des sozialen Lernens.“[2]
Die leitenden Begriffe für ein solches Bildungskonzept kommen nach wie vor aus den angelsächsischen Ländern: Civic Education, Community Education, Just Community, Community School, Service Learning. Die deutschen Übersetzungen – besser: begrifflichen Annäherungen –  klingen aber zunehmend weniger fremd:
Bürgererziehung, regionale Bildungslandschaft, Stadtteilschule, Gemeinschaftsschule, Lernen durch Engagement.

Adressaten und Teilnehmer
Der Adressatenkreis der Tagung war entsprechend breit angelegt:
Bürgerinnen und Bürger, die Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene als Lesepaten oder Mentoren in ihrer Entwicklung individuell unterstützen, beraten und begleiten. Lehr- und Leitungskräfte aus Schule und Erwachsenenbildung. Pädagogische Fachkräfte aus KITAs, Jugendhilfe und Stadtteilkultur. Ehrenamtlich Aktive aus Stiftungen und Initiativen zur Förderung des Dialogs der Generationen, der Gestaltung des Übergangs von Schule zur Berufswelt, der Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Eltern, die sich in schulischen Gremien und Fördervereinen engagieren, Mitarbeiter/innen der soziokulturellen Zentren, der Jungen Volkshochschule und den Fachämtern für Sozialraummanagement, Quartiersmanager, Bildungspolitikerinnen und Erziehungswissenschaftler.
Alle waren da, aber in einer Verteilung, die zum Nachdenken Anlass gibt. Bei 210 Anmeldungen war die Tagung mit 185 Teilnehmern gut besucht. Etwas mehr als die Hälfte kam aus Hamburg, die übrigen aus 12 anderen Bundesländern.
Insgesamt war es ein intensiver  Erfahrungsaustausch zwischen ehrenamtlich bzw. bürgerschaftlich bereits aktiven Personen, weniger eine Informationsveranstaltung, die von Interessierten zur Orientierung genutzt wurde. Trotz intensiver Werbung waren aus Hamburger Schulen nur etwa 30 – 40 Lehrkräfte dabei. Andererseits nahmen viele Mitarbeiter/innen aus dem Bereich des Sozialraummanagements teil. Der Hauptgrund für diese Verteilung könnte darin liegen, dass das ehrenamtliche Engagement für die Letztgenannten normaler Bestandteil ihres Berufsalltags ist, während es für Lehrer und  Lehrerinnen zur Zeit noch eher ein Randthema darstellt. Das könnte sich ändern, wenn die Aufgabe der gemeinsamen Gestaltung regionaler Bildungslandschaften durch die regionalen Bildungskonferenzen stärker ins öffentliche Bewusstsein rückt.

Reichhaltiges Angebot und gute Stimmung
Die Fülle an Anregungen durch die Vorträge, Workshops, Exkursionen, Foren und Infostände wurde allgemein gelobt; das Gleiche gilt für die hervorragende kulinarische Versorgung durch den Cateringdienst der Förderschule Pröbenweg und die Schülerfirma der Ganztagsschule St. Pauli.
Die Vielfalt wurde durch drei Tagesmottos fokussiert, die zugleich das Thema der jeweiligen Vorträge und Foren bildeten:
Ÿ  Kompetenzen für die Zivilgesellschaft,
Ÿ  Stadt und Gemeinde als Schule der Demokratie und
Ÿ  Lehrer und Schüler als Bürger.
Das „Überangebot“ führte dazu, dass nicht alle 23 Workshops und 18 Exkursionen ausreichend angewählt wurden, die Beiträge der ausgefallenen Angebote werden aber zum großen Teil auf der Website www.bildungdurchbeteiligung.de und in der Printfassung der Dokumentation veröffentlicht, die zur Zeit vorbereitet wird und noch vor den Frühjahrsferien erscheinen soll.

Mögliche Folgen
Dass die Tagung nachhaltig war, also erkennbare Folgen hatte, lässt sich u.a. an den vielen Verabredungen ablesen, die getroffen wurden. Eine kleine Auswahl:

Ÿ  Pflege und Weiterentwicklung der Website www.bildungdurchbeteiligung.de
Ÿ  Fertigstellung und Versand der Print-Dokumentation im Frühjahr 2011
Ÿ  LI-Veranstaltungsangebot 2011/12 zu Generationendialog und Ganztagsschule
Ÿ  Kooperation JVHS und LI bei friedenspädagogischer Ausstellung 2011
Ÿ  Herbsttreffen Service Learning in der Ida-Ehre-Stadtteilschule November 2011
Ÿ  CSR (Corporate Social Responsibility)-Tagung mit Firmen als Kooperation von CCCD (Centrum for Corporate Citizenship Deutschland) und BSB
Ÿ  Aufbau einer Datenbank für Hamburg zum Thema „Bürgerschaftliches Engagement und Schule“
Ÿ  Zukunftswerkstatt Jugendmentoring im Frühjahr 2011
Ÿ  Zusammenarbeit Bürgerschaftliches Engagement mit dem Projekt „Übergang Schule-Beruf“
Ÿ  Verschiedene Aktivitäten zum Europäischen Jahr des Engagements 2011
Ÿ  …

Autor:
Wolfgang Steiner
Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung  
Arbeitsbereich Demokratiepädagogik
Tel.: 040 / 428842 564, wolfgang.steiner@li-hamburg.de

Kontakt für weitere Aktivitäten:
Thomas Albrecht
Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg – Referat B 52-4
Tel.: 040 42863 3313, thomas.albrecht@bsb.hamburg.de

Nikolas Kruse
Denkwerkstatt: JugendMentoring e.V. kruse@bildungdurchbeteiligung.de

 [1] Deutscher Bundestag (2002) Bericht der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“. Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft. Bundestags-Drucksache 14/8900.

[2] Birger Hartnuß/ Stephan Maykus, Schule als demokratischer Ort und partnerschaftlich orientiertes Lernzentrumim Gemeinwesen – 10 Thesen zu bürgergesellschaftlichen Entwicklungspotenzialen von (Ganztags-) Schulen, in: BBE-Newsletter 12/2008.
 

 

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