F4: Elternengagement von und für Migranten: Interkulturelle Elternarbeit

Eltern mit Einwanderungsgeschichte als Multiplikatoren: Das BQM-Modell „Eltern aktiv für die berufliche Zukunft ihrer Kinder“

Warum Eltern?
Eltern sind nach wie vor die wichtigste Instanz der Berufsorientierung. Das verdeutlichen immer wieder verschiedene Hamburger und bundesweite Umfragen. Aber: Gerade Eltern mit Migrationshintergrund können vielfach keine ausreichende Unterstützung bieten. Häufig verfügen sie aufgrund von geringen Deutschkenntnissen nicht über alle relevanten Informationen.

Mitunter glauben sie auch, dass sie ihren Kindern nicht helfen können, wenn sie selbst nicht hinreichend schulisch qualifiziert sind. Hinzu kommt, dass sie zumeist das duale Ausbildungssystem weder aus ihrem Herkunftsland noch aus Deutschland kennen und nicht einschätzen können, dass diese Ausbildungsform die tragende Säule der beruflichen Qualifizierung in Deutschland ist. Ihre in vielen Fällen negativen Erfahrungen mit technisch-gewerblicher und handwerklich-manueller Arbeit in ihrer Heimat übertragen sie zumeist auf die betriebliche Ausbildung und Berufsbilder hierzulande. Erfahrungsgemäß nimmt die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule im Laufe der Schulzeit ab. Eltern mit Migrationshintergrund werden von der Schule besonders schwer erreicht, da die traditionellen Formen der Elternansprache oft nicht funktionieren. Um diese Situation zu verbessern, fehlten in Hamburg lange Zeit Modelle zur systematischen Beteiligung von Eltern an der Berufsorientierung ihrer Kinder.

BQM Beratungs- und Koordinierungsstelle zur beruflichen Qualifizierung von jungen Migrantinnen und Migranten

BQM- Logo

Vor diesem Hintergrund wurde BQM – Beratungs- und Koordinierungsstelle zur beruflichen Qualifizierung von jungen Migrantinnen und Migranten 2006 von der Stadt Hamburg beauftragt, ein wirksames Konzept im Bereich der interkulturellen Elternarbeit zu entwickeln und dieses in Form eines Modellprojekts durchzuführen. 

Was wollen wir erreichen?
Die Grundidee ist es, Migranteneltern durch ein zielgruppenspezifisches Informationsangebot das notwendige Hintergrundwissen über die Möglichkeiten der beruflichen Bildung in Deutschland bereitzustellen. Damit und durch flankierende Empowermentmaßnahmen sollen langfristig möglichst alle Eltern mit Migrationshintergrund darin bestärkt werden, ihre Kinder im Prozess der Berufsorientierung aktiv zu unterstützen. Zielgruppe sind Eltern mit Migrationshintergrund, deren Kinder sich in der Sekundarstufe I oder II an allgemeinbildenden Schulen bzw. in den ausbildungs- oder berufsvorbereitenden Klassen der beruflichen Schulen befinden. Parallel wird intensiv mit Lehrkräften gearbeitet, um diese für die Besonderheiten der Arbeit mit eingewanderten Familien in der Berufsorientierung zu sensibilisieren und die dafür notwendigen Kenntnisse und Kompetenzen zu vermitteln. Auf diese Art und Weise werden beidseitige Annäherungsprozesse in Gang gesetzt, was dem BQM -Verständnis von Integration entspricht.

Wie wollen wir das erreichen?
Die BQM bietet unter Anderem folgende Formate an: 

  • Train-the-Trainer-Schulungen von aktiven Eltern zu Moderatoren
  • Fortbildungen und Vernetzungstreffen für die Elternmoderatoren
  • Mehrsprachige Elterninformationsveranstaltungen in Schulen / Stadtteileinrichtungen
  • Herkunftssprachige Elterntreffs in den Stadtteilen nach dem peer-to-peer- Prinzip

Das Schulungskonzept für Eltern umfasst fünf einmal wöchentlich stattfindende Sitzungen und behandelt die Themen: Schule und Berufliche Bildung in Hamburg, Berufswegeplanung, Bewerbung, Grundzüge der Moderationstechnik, Selbstreflexion der eigenen Rolle als Moderator/-in von Elterntreffs.

Bisher umgesetzt: Sieben Staffeln, Pool von ca. 100 geschulten Moderatorinnen und Moderatoren aus 23 Herkunftsländern, mehr als 400 durchgeführte Elterntreffs in allen Hamburger Bezirken mit rund 1.500 Eltern.

Wie sind unsere Erfahrungen?

  • Es herrscht quer über alle Kulturkreise und Elterngruppen hinweg ein sehr hoher Informationsbedarf. Besonders hoch ist das Informationsdefizit in den Bereichen „Schulsystem“ und „Berufsorientierung“. Die bisher von den Schulen angebotenen Informationsformate und Anspracheformen wie z. B. Elternbrief, Elternabend oder Elternsprechtag greifen für die Migranteneltern zu kurz. Entscheidend ist es, das Vertrauen der Eltern zu gewinnen und sie für eine aktivere Beteiligung am schulischen Geschehen zu mobilisieren.  Die Distanz zwischen Schule und Eltern beruht oft auf Gegenseitigkeit. Diese ist nur aufgrund langfristiger Aufklärungs- und Beziehungsarbeit zu überbrücken.
  • Erfolgreiche Elternkooperation braucht geeignete Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Deren persönliche Netzwerke und soziale Kompetenzen sind zentrale Faktoren für die Erreichung der Zielgruppe. Die Herausforderungen der Elternarbeit sind bei Weitem nicht nur sprachlicher Natur.
  • Einzelne Veranstaltungen sind nicht ausreichend, um vorhandene Bedarfe zu decken und Eltern zum eigenen Handeln zu befähigen. Die Informationen sollten immer mit konkreten Handlungsmöglichkeiten für die Eltern gekoppelt sein. Zugleich gilt es auch Schulen selbst zu aktivieren, diesem Thema mehr Raum, Verbindlichkeit und Systematik zu widmen.
  • Sowohl der Ansatz, Eltern über die Schule zu erreichen, als auch der Ansatz mit Elterntreffs im privaten Umfeld das Thema zu behandeln, sind erfolgsversprechend und direkt umsetzbar.
  • Um Elterntreffs auch für Väter attraktiv zu machen, wäre die Gewinnung männlicher Moderatoren empfehlenswert.
  • Die im Konzept vorgesehene Fokussierung auf die Berufsorientierung lässt sich in der Praxis nicht 1:1 umsetzen. Die inhaltlichen Nachfragen der Eltern hängen vom Alter der Kinder ab. Gerade in den Elterntreffs ist der Anteil von Eltern hoch (ca. 50 %), deren Kinder die Grundschule und Orientierungsstufe besuchen. Dies führt dazu, dass dort vor allem über das Schulsystem diskutiert wird. Eine stärkere Modularisierung des Themas sollte angestrebt werden.  

Was können wir empfehlen?

1. Die Kooperation mit den Eltern sollte stadtteilorientiert verankert sein. Schulen sind und bleiben der wichtigste zu gewinnende Partner bei der Elternarbeit. Darüber hinaus erfordert erfolgreiche Elternkooperation die Zusammenarbeit einer Vielzahl von Einrichtungen vor Ort. Von zentraler Bedeutung ist die Einbeziehung von Migrantenorganisationen, Religionsgemeinschaften, Vereinen, Elternschulen und Stadtteileinrichtungen. Dabei ist es zentral, dass die Ansprechpartner das Vertrauen der Eltern genießen und idealerweise die Sprache des Herkunftslandes beherrschen.

2. Die Elternarbeit muss barrierefrei angesetzt sein. Herkömmliche Informationsangebote erreichen Migranteneltern nur begrenzt, da die Hemmschwelle gegenüber den informierenden Institutionen wie z. B. Schule, Agentur für Arbeit etc. recht hoch ist. Die Distanz wird durch sprachlich bedingte Verständigungsschwierigkeiten unter Umständen noch verstärkt. Um Migranteneltern im Sinne eines Empowermentprozesses zu stärken, sich aktiv für die Berufsorientierung ihrer Kinder zu engagieren, ist eine Ansprache auf gleicher Augenhöhe notwendig.

3. Die Elternarbeit sollte praxis- und ergebnisorientiert sein. Die Informationsvermittlung soll greifbar mit entsprechenden Praxiserfahrungen gekoppelt sein. Daher ist die Einbeziehung von Unternehmen sowie Kammern, Gewerkschaften, der Agentur für Arbeit, team.arbeit.hamburg und den Beratungsstellen einzelner Behörden unerlässlich. Ebenso wichtig ist es, den Eltern nicht nur reine Information zu vermitteln, sondern konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.           

Kontakt:
Dr. Alexei Medvedev / Elisabeth Wazinski
medvedev@kwb.de   wazinski@kwb.de
KWB e. V. / BQM,  Kapstadtring 10, 22297 Hamburg
www.kwb.dewww.bqm-hamburg.de

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