D11: Historische Projektarbeit und Demokratielernen in Museum, Archiv und Gedenkstätte

Impuls von Sven Tetzlaff (Körber-Stiftung) 

  1. Kindern und Jugendlichen das Erleben und Erlernen von Demokratie ermöglichen – dies ist ein zentrales Anliegen historisch-politischer Bildung junger Menschen. Klassische Formen der Vermittlung historischen Wissens, die auf vorgefertigte Geschichtsbilder und ihre passive Rezeption durch junge Menschen setzen sind dabei ungeeignet. Gefordert sind aktivierende Strategien zur selbstständigen Entwicklung historisch-politischer Fragestellungen, die auf Lernumgebungen mit Ernstcharakter und Lebensweltbezug setzen und an Gegenwartsprobleme anknüpfen. Die Befähigung von Kindern und Jugendlichen zur eigenaktiven Auseinandersetzung mit gegenwartsbezogenen Fragen der Erinnerungskultur eröffnet Chancen in mehrere Richtungen: Im Idealfall erleben Heranwachsende, dass sie kompetent an historisch-politischen Debatten teilnehmen können. Sie stellen fest, dass ihre Beiträge außerhalb der Schule in ihrem direkten Lebensumfeld ernst genommen werden. Und die Arbeit an erinnerungskulturellen Diskursen, am kollektiven Gedächtnis bleibt nicht einer kleinen Schar von Experten vorbehalten, sondern wird auch zum Artikulations- und Handlungsfeld von Kindern und Jugendlichen. Durch ihre Einbeziehung wird das Geschichtsbild weiter pluralisiert. In der Migrationsgesellschaft wird es zunehmend wichtiger, die verschiedenen Geschichtsdeutungen und –erzählungen in die Verständigung über kollektive Geschichtsbilder einzubeziehen. Die Stärkung demokratischer Kompetenzen junger Menschen und die Demokratisierung von Geschichtsbildern bieten einen wichtigen Ansatzpunkt für eine demokratiepädagogisch nachhaltige Partizipation durch Kultur. Geschichte – nicht verstanden als nostalgischer Bezugspunkt unreflektierter Vergangenheitsbegeisterung sondern als Reservoir aufklärungsfähiger und gegenwartsbezogener historischer Diskurse und Handlungen – kann hierfür wertvolle Dienste leisten.
  2. Eine in diesem Sinne verstandene Aktivierung und Befähigung  von Kindern und Jugendlichen zur Mitgestaltung der Erinnerungskultur kann in der Schule als abgeschotteten Lernraum nicht gelingen, sondern erfordert eine Öffnung der Schule zu ihrem Umfeld, hinein in die Gemeinde und den kommunalen Raum. Als »Gedächtnisse der Stadt« sind Archive, Museen, Geschichtswerkstätten, Bibliotheken, Denkmalämter und andere Institutionen wie die klassischen Geschichts- und Heimatvereine zentrale Orte, die die historische Lernlandschaft im Nahbereich von Kindern und Jugendlichen konstituieren. Die Orte dieser Landschaft gilt es für Kinder und Jugendliche zu erschließen, um ihnen ein Lernen in Ernstbezügen und einen unverstellten Blick auf die Vergangenheit, d. h. eine Auseinandersetzung mit Originalquellen und authentischen Zeugnissen der Geschichte zu ermöglichen. Besteht die Herausforderung auf der einen Seite darin, die Schulen für das Lernen an diesen Orten zu öffnen, so bedeutet das auf der anderen Seite auch, das Selbstverständnis dieser Orte als Lerngelegenheiten für Kinder und Jugendliche und als Bestandteil einer größeren historischen Bildungslandschaft zu stärken.
  3. Ein gelingendes Zusammenspiel der verschiedenen Bildungs- und Kultureinrichtungen im regionalen Raum zur nachhaltigen Stärkung historischen Lernens von Kindern und Jugendlichen erfordert die Bereitschaft zur Kooperation zwischen Schulen und den beteiligten Einrichtungen. Für diese Kooperation sind ein hohes Maß an Kommunikation und Koordination erforderlich. Die Vernetzung zwischen Schulen und den Bildung- und Kultureinrichtungen gelingt nur, wenn sich die Beteiligten stetig über ihre Voraussetzungen, die erforderlichen Angebote sowie über ihre Erwartungen und Möglichkeiten auf allen Seiten verständigen und miteinander abstimmen. Neben der kontinuierlichen Verständigung und Absprache bedarf es einer zielgerichteten Koordination bei der Organisation des Zusammenspiels aller Beteiligter in historischen Lernlandschaften.  
  4. Rund um den alle zwei Jahre stattfindenden Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, den die Körber-Stiftung seit fast 40 Jahren bundesweit durchführt, sind in den letzten Jahren an unterschiedlichen Orten in der Bundesrepublik Ansätze der Vernetzung von Bildungseinrichtungen zu kommunalen historisch-politischen Lernlandschaften entstanden. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, welchen Stellenwert die historische Bildung junger Menschen im kommunalen Raum erreichen kann, ist in Münster zu besichtigen. Stammten noch zu Beginn des Geschichtswettbewerbs Anfang der 1970er Jahre weniger als eine Handvoll Schüler aus Münster, so sind es mittlerweile regelmäßig mehrere Hundert. Grund hierfür ist eine systematische Zusammenarbeit von Schulbehörden und Schulen mit Stadtarchiv, Landesarchiv, Bistumsarchiv,  dem westfälischen Archivamt, der Universität Münster und weiteren Bildungseinrichtungen. Aufgrund des Interesses am Geschichtswettbewerb richtete die Stadt 1983 als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im Stadtarchiv eine Stelle zur Betreuung von Jugendlichen ein, noch bevor die erste archivpädagogische Stelle 1986 in Bremen entstand. Auch wenn die Aufbruchsstimmung der Demokratisierung der Archive im Kontext der sozialen Bewegungen der 1970er Jahre spürbar abgeebbt ist, bleiben Ziele wie die »Öffnung der Archive« und »Schaffung eines breiten historischen Bewusstseins« in Münster doch bis heute Leitlinien der Bildungsarbeit. Höhepunkt der Geschichtsbewegung von Kindern und Jugendlichen in Münster ist regelmäßig die Eröffnung einer hochprofessionellen Ausstellung der Schülerbeiträge im Rathaus der Stadt, die die Dimensionen des größten Saals im Rathaus ebenso regelmäßig sprengt. In Münster hat das Zusammenspiel der Institutionen eine historische Bildungslandschaft entstehen lassen, in der Jugendliche nicht nur hervorragende Bedingungen für selbstgesteuertes Forschen finden, sondern die ihnen auch eine Stimme in  historischen Debatten in der Stadtöffentlichkeit gibt. 
  5. Diese Ansätze stärkt und erweitert die Körber-Stiftung u. a. durch die Beteiligung an dem Programm »Lernen vor Ort«, das von 2009 bis 20011 läuft. Diese Initiative, die als Kooperation zwischen dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und einem Verbund von über 30 Stiftungen entstanden ist, fördert Kommunen darin, ein kohärentes Bildungsmanagement vor Ort zu entwickeln, das allen Bürgerinnen und Bürgern ein lebenslanges, aufeinander abgestimmtes Lernen ermöglicht. Die Körber-Stiftung hat im Rahmen dieses Programms eine bundesweite Themenpatenschaft im Aktionsfeld »Demokratie und Kultur« übernommen. Partner des Programms sind der Bundesverband Museumspädagogik und der Arbeitskreis Archivpädagogik und historische Bildungsarbeit im Verband deutscher Archivare. Ziel ist, Archive, Museen und Gedenkstätten als außerschulische Lernorte für die Demokratieerziehung junger Menschen zu stärken. Unter dem Titel »Geschichte entdecken – Zukunft gestalten!« werden interessierte Kommunen aus dem ganzen Bundesgebiet darin unterstützt, Archiv- und Museumspädagogen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu qualifizieren und sie darüber hinaus mit Bildungseinrichtungen und Verantwortlichen der kommunalen Kultur- und Bildungspolitik zu vernetzen. Experten, Praktiker und die Zuständigen der Kommunen werden zusammengebracht, um sich über erfolgreich erprobte Modelle des archiv- und museumspädagogischen Demokratielernens auszutauschen und das Bildungsmanagement der teilnehmenden Kommunen nachhaltig zu stärken.
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