E13: Forum Bildung Wilhelmsburg – Modell einer Vernetzung

In der Podiumsdiskussion des Länderforums stellten Sybille Volkholz und später auch eine Teilnehmerin die Frage, wie denn eine Zusammenarbeit zwischen außerschulischen Bildungsakteuren, bürgerschaftlichem Engagement und Schule ermöglicht werden könne. Die Frage, in der es ja um praktische Umsetzung ging, schien etwas beiseite geschoben zu sein durch die Gegenüberstellung der Vorstellung, die Schulbehörde müsse die Strukturen dafür bereitstellen (Teilnehmerin) einerseits und die Zurückweisung dieses Wunschs als nicht zielführende Regulierungserwartung (Christa Goetsch) andererseits.

Mit der Exkursion Nr. 13 konnten sich jedoch 10 TeilnehmerInnen auf der Elbinsel Wilhelmsburg zeigen und erläutern lassen, wie eine fruchtbare Zusammenarbeit durch gelungene Vernetzung nicht nur möglich, sondern schon seit Jahren Realität ist.

Schon beim Aussteigen aus der S-Bahn können wir sehen, dass es sich hier um einen sogenannten sozialen Brennpunkt-Stadtteil handelt.

In der Schule an der Burgweide werden wir mit Handschlag, Kaffee und Keksen sehr freundlich empfangen, als wir endlich mit 1/2-stündiger Verspätung eintreffen.  Wilhelm Kelber-Bretz, Lehrer und Geschäftsführer des FBW erläutert uns das Forum Bildung Wilhelmsburg als Ergebnis der Wilhelmsburger Zukunftskonferenz, die im Frühjahr 2002 eine Institution gefordert hatte, die die Entwicklungsperspektiven von Wilhelmsburger Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen fördern soll.

„Die Bildungschancen sollen vor allem durch eine Vernetzung und stärkere Zusammenarbeit aller Bildungseinrichtungen der Elbinsel sowie durch die Entwicklung, Erprobung und Weiterverbreitung stadtteilspezifischer Bildungsformen und -inhalte verbessert werden.“

Dies ist offenbar gelungen. Das Beispiel hat Modellcharakter. Ca. 40 Einrichtungen arbeiten kontinuierlich und an verschiedenen jährlich wiederkehrenden Programmen zusammen: „Kochwoche“, „Lesewoche“, „Forscherwoche“, „Kinder machen Zirkus“ und der Sommerferienpass „FerienSpaß“ sind die jährlich wiederkehrenden Anlässe für alle Einrichtungen der Elbinsel, zusammenzuwirken. Man kennt sich gegenseitig und die jeweilige Einrichtung. Dies scheint eine der wichtigsten Voraussetzungen für gute Zusammenarbeit zu sein.

Wilhelm Kelber-Bretz erklärt auf die erstaunte Nachfrage einer Teilnehmerin: Ja, alles, was hier gemacht wird, ist ehrenamtliches Engagement, es gibt keine „gewerblichen“ Anbieter, alles wird selbst organisiert. Es gibt staatliche Unterstützung in Form einer halben Lehrerstelle für den Geschäftsführer des FBW, aber keine Gelder für Sachmittel, kein Büro oder sonst eine staatliche Unterstützung. Stattdessen beraten die Akteure aus den 40 Einrichtungen auf ihren zweimonatlichen Plenarsitzungen unter anderem auch über Möglichkeiten des Fundraisings.

Die Schule an der Burgweide, so erklärt die Lehrerin Maria Jedding-Gesterling, fand Unterstützung bei den Budnianern für ein gesundes Frühstück für die Kinder, die häufig ohne Frühstück in der Schule erscheinen, ja häufig die einzigen sind, die morgens in ihrer Familie aufstehen. Mit Unterstützung der AOK ist auch das Programm für übergewichtige Kinder möglich, das Kinderkurse, Elternkurse und ein zusätzliches Sportangebot enthält.

Die Lehrerin erzählt sehr anschaulich, wie ihre Schule die Eltern einbindet:

„Zuerst kamen zu Schulelternversammlungen nur etwa 20 Eltern. Jetzt wollten wir aber Ganztagsschule werden und die Eltern mussten informiert sein! Die Leute hier fühlen sich durch ein Papier, das ihre Kinder mit nach Hause bringen nicht eingeladen. Sie müssen persönlich vom Lehrer angesprochen werden. Wir haben ein Informationsfest gemacht und gebriefte migrantische Eltern als Dolmetscher an die Gruppentische platziert. An diesem Abend konnten die Eltern auch das Schulessen probieren. Das ganze hatte den Erfolg, dass jetzt immer mindestens 100 Eltern zum jährlichen Schulanfangsfest kommen. Es gibt ein regelmäßiges Elterncafé, an den Lesewochen beteiligen wir uns mit der Leseburg, da lesen die Eltern in ihrer Muttersprache vor. Das organisieren die Schüler der 4. Klasse. Sie sprechen Eltern an, drucken Flyer, organisieren das Ambiente. Inzwischen gibt es eine Menge kleine Jobs für Eltern: Sie machen Nachmittagskurse, basteln und malen, geben Arabisch- und Farsi-Unterricht.“

Wilhelm Kelber-Bretz erklärt, dass Maria eine von den 12 Netzwerkkoordinatorinnen (Stadtteilbeauftragten) des FBW ist.

Dieses Jahr gab es etwa 100 zusätzliche Angebote zum Thema Lesen. Z.B. kommen Schüler vom Gymnasium und lesen im Bürgerhaus ihre selbst geschriebenen Krimis vor. Der Lesewettbewerb der Wilhelmsburger Schüler ist ein zentrales Ereignis. Aber es gibt ebenso Angebote für Kitas, z.B. die „Gedichte für Wichte“. Zielgruppe sind eigentlich alle Einwohner Wilhelmsburgs von 0 – 99 und darüber. Wie das kommt?

„Zunächst lag bei den Lesewochen der Schwerpunkt bei der Grundschule, dann hat sich das ausgeweitet auf die Kita, dann hat sich die Volkshochschule eingeklinkt, und damit waren wir bei den Jugendlichen, und die Eltern kamen z.B. in der Schule an der Burgweide hinzu.“

Anschließend werden wir von Heinz Wernicke durch Wilhelmsburg geführt und sehen sehr verschiedene Wilhelmsburgs – von der heruntergekommenen Hochhaussiedlung bis zum zukünftigen „In“-Stadtteil Reiherstieg. Nebenbei erhalten wir Erläuterungen über die vielen beeindruckenden Großbaustellen und interessante Informationen über IBA und IGS sowie über deren positive und kritischen Aspekte für die Wilhelmsburger.

Wir durften ausnahmsweise das Neue Haus der Jugend besichtigen, das offiziell erst nächste Woche eröffnet wird, und fuhren dann zur Honigfabrik, wo wir uns mit Kaffee und Kuchen gestärkt über Wilhelmsburg,  über die vorhandenen und fehlenden Unterstützungsstrukturen für das FBW, sowie über die „Bildungsrepublik“ austauschten.

Eine rundum sehr spannende Exkursion. Vielen Dank an die drei Lehrkräfte, die ihren Nachmittag dafür geopfert haben!

Über Lisa Rosa

Lehrerbildung, Lernen in der Wissensgesellschaft, Digitalität, Kulturhistorische Schule, Dialektik, Systemtheorie, Geschichte und Politik
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